Jubiläums-Workshop

Am Dienstag, den 21.08.18 war die Autorin des Buches „Nicht von schlechten Eltern – meine Hartz-IV Familie“ Frau Undine Zimmer nun schon zum fünften Mal auf der Karlshöhe – ein kleines Jubiläum sozusagen.

Undine Zimmer stammt aus Berlin und erlebte als Tochter einer alleinerziehenden Mutter fast ihre gesamte Kindheit als Kind einer Sozialhilfeempfängerin – heutzutage  würde man sagen einer Hartz-IV-Empfängerin. Dennoch ist das Buch keine Anklage gegen ein möglicherweise ungerechtes System, sondern ein wie sie selbst bemerkte „autobiographisches Sachbuch“.

Dies Buch soll Mut machen, denn sie beschreibt und erzählt, wie sie trotz schlechteren Startvoraussetzungen ihr Abitur und ein anschließendes Studium stemmen konnte und so heute in der Lage ist, ihr Leben selbst zu finanzieren und zu gestalten.

Anlässlich des fünften Workshops hatte ich die Gelegenheit genutzt mit ihr ein kleines Interview zu führen

Liebe Undine, Du machst nun schon den fünften Workshop hier auf der Karlshöhe. Welche Emotionen hast Du, wenn Du hier auf die Karlshöhe kommst?

Ich bin jedes Mal gespannt, wer da ist. Ich weiß wohl, dass die TeilnehmerInnen, für die der Vormittag mit mir ja zum Pflichtprogramm gehört, mit gemischten Erwartungen kommen. Oft wird es dann aber ein humorvoller Vormittag mit sehr viel Austausch und das ist für mich sehr interessant. Schicksale sind so unterschiedlich. Ich schätze sehr, dass meine TeilnehmerInnen, die alle selbst Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit und dem Gefühl „abgehängt zu sein“ haben, etwas von sich mitteilen.

Wenn Du in diesem Workshop überwiegend mit Leuten zusammen bist, die sich in der gleichen  Lage befinden wie seinerzeit Deine Eltern, was macht das mit Dir?

Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass meine Eltern, trotz einiger Schwierigkeiten und auch einiger Marotten einiges Gutes geleistet haben und dafür Anerkennung verdienen. Ich wünsche mir, dass ich den TeilnehmerInnen etwas Anerkennung und Mut zurückgeben kann. Wir sprechen ja auch darüber, wie man schwierige Situationen bewältigen kann, oder was meine Gäste sich wünschen. Da lerne ich immer etwas dazu und habe großen Respekt vor der Offenheit mit der meine TeilnehmerInnen den Vormittag mit mir verbringen.

Das erste Buch hat Dich ja einigermaßen bekannt gemacht. Wird es ein weiteres Buch oder sogar weitere Bücher geben?

Das wird die Zeit zeigen. Auf dem Laufenden halten kann man sich unter undinezimmer.de

Haben Deine Kindheitserlebnisse, die Du im Buch beschreibst, Auswirkungen auf Deine Lebens-und vor allen Dingen Familienplanung?

Vor allem auf meine Lebenseinstellung und Einstellung zur Familie. Was Familienplanung angeht, nun - ich würde sagen, das ist privat. Besonders wünschen würde ich meinen Kindern emotionale Stabilität. Aber ich weiß nicht, ob man das so gut planen kann. Finanzielle Unabhängigkeit ist natürlich ein Wunsch, aber ich glaube nicht, dass ich meine Entscheidung nur davon abhängig machen würde, wenn es darauf ankäme.

Wäre es aus Deiner persönlichen, nicht finanziellen, Sicht wünschenswert, wenn möglichst viele ALGII-Empfänger Dein Buch lesen? Und wenn ja, warum?

Ich würde mich vor allem freuen, wenn mehr ALG II Empfänger Bücher schreiben würden und ihre Geschichten selbst erzählen würden. Wenn das Buch jemanden ermutigt zu träumen und an sich zu glauben, dann freue ich mich sehr. Auch wenn jemand dadurch erfährt, ich bin nicht allein mit meinen Zweifeln und dem ganzen komplizierten Dingen, die keiner versteht. 

Ich glaube aber nicht, dass Literatur die Welt verändert. Ich höre oft von vielen Sozialarbeitern, dass ihnen  das Buch bei der Arbeit ein besseres Verständnis ermöglicht. Das freut mich genauso, wie jeder Leser und jede Leserin, die sich nach dem Buch sagt, „wenn die Zimmer weitermacht und irgendwo ankommt, dann mach ich auch weiter.“ Oder natürlich jede und jeder, der mein Buch tatsächlich an seinen Vorurteilen rütteln lässt.

Wenn Du ein paar Paragraphen im SGB II, also dem „HartzIV-Gesetz“ ändern könntest, welche wären die ersten drei?

Puh, ich bin keine Juristin. Wenn man in einem Gesetz etwas ersetzt oder verändert, muss man genau wissen, was das für Konsequenzen hat. Das traue ich mir nicht zu. Es gibt viele Kleinigkeiten, die ich mir vereinfacht wünsche im Ablauf und vor allem bei der Förderung von Nachhilfe für Schüler.  Das BuT greift diese oft  viel zu spät, wir haben viele Kinder von Migranten und Migrantinnen die frühzeitig Förderung in Deutsch brauchen, und dies bis durchs Gymnasium. Hier kann man sicher ganz einfach Ungleichheiten abbauen und an richtigen Stellen fördern.

Ich war letztens in einem  Ort zu Besuch, da hat der Schulleiter den Euro für das Mittagessen abgeschafft und durch Fördergelder eingeworben. So musste niemand mehr bezahlen. Die Nachfrage ist sehr spürbar gestiegen. Daran sieht man, dass auch die Hemmungen abgebaut wurden das Essen in Anspruch zu nehmen. Und plötzlich kommen auch die Eltern in die Schule, die man sonst nie sieht. Nämlich zum Essen. Das war zwar nicht so gedacht, aber ich sehe darin, wie der dortige Schulleiter, eine Chance in Kontakt mit diesen Familien zu kommen. So etwas finde ich einen tollen Ansatz. Das kann von mir aus so gesetzlich geregelt werden. Ich glaube, dass das Barrieren abbaut.

Aber zum Schluss hab ich noch eine Frage an Dich: Du bereitest den Workshop jedes Mal mit den Klienten  vor. Wie wird der Workshop aus ihrer Sicht wahrgenommen?

Sehr sehr unterschiedlich. Es gibt interessierte Klienten, die Dein Buch sogar kaufen,  genauso wie völlig desinteressierte, die nur kommen um den potentiellen  Sanktionen zu entgehen. Ob dies am ALGII_System liegen könnte, das zu einer gewissen Passivität verleitet, oder tatsächlich an völlig konträren Interessen der Teilnehmenden, vermag ich nicht zu sagen. In jedem Fall verbleibt zumindest eine positive  Erinnerung, nämlich an Dein leckeres Selbstgebackenes, das Du immer beisteuerst….

Danke und hoffentlich gibt es einen sechsten, siebenten, achten usw….Workshop mit Dir

Ich komme gerne wieder!

Von: Christian Pohl
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