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Die Tagesgruppe fährt in Urlaub

Früchte der Tagesgruppenarbeit

Die Sommerfreizeit stellt in der Tagesgruppe immer den absoluten Jahreshöhepunkt dar. Ein Selbstläufer mit Erfolgsgarantie ist sie allerdings nicht. Warum die diesjährige Freizeit in Grafling im bayerischen Wald für die Tagesgruppe der Hindenburgstrasse so ein besonders schöner Erfolg geworden ist lässt sich am Besten an der Lebensgeschichte des kleinen Andi. beobachten.

Andi ist 8 Jahre alt als er in die Tagesgruppe kommt. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes hat dies der Familie empfohlen. Es kann einfach nicht mehr so weitergehen: Andi fehlt häufig in der Schule, doch wenn er da ist, fällt er auf: er redet nichts, antwortet selbst auf die Fragen der Lehrerin tagelang nicht. Sein Gesicht zeigt keine Regung, er ist blass, müde und hoffnungslos. Zielsicher sucht er sich die falschen Freunde aus, streunt tagelang herum, wird manchmal aggressiv, sieht die falschen Filme und spielt Gewaltvideospiele. Dennoch erkennt die Grundschullehrerin rasch das große intellektuelle Potential von Andi, doch sie sieht auch, dass er keine Chance hat sich positiv zu entwickeln. Andi lebt mit seiner Mutter zusammen, der Vater ist ausgezogen und kümmert sich nicht um ihn. Mutter und Sohn haben schwerste Gewalt- und Verlassenheitserfahrungen mitgemacht, die Familie ist schwer traumatisiert. Beide lieben sich und es gibt keinen größeren Wunsch der Mutter als den, dass es ihrem Andi gut gehen soll. Doch die eigenen Erfahrungen und die finanzielle Situation der Familie stehen ihr selbst im Wege. Sie muß jede Arbeit annehmen um ihre Familie durchzubringen, in ihrer Abhängigkeit lässt sie sich auch auf Arbeitszeiten ein, die eine kindgerechte Betreuung ihres Sohnes unmöglich machen. Andi ist viel alleine. Er hat keine zuverlässigen Freunde, keine Tante oder Opa, die sich um ihn kümmern könnten. Die Familie versinkt in ihrer Trauer und Ausweglosigkeit.

Anfangs will Andi gar nicht in die Tagesgruppe kommen. Zum Glück ist die Gruppe von der Wohnung der Familie aus in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen, so können Mutter und Andis Betreuer meistens schnell agieren, wenn er nach der Schule einen anderen Weg eingeschlagen hat. Die zuverlässige Struktur in der Tagesgruppe, die stabile Beziehung zu seinem Betreuer und die Atmosphäre der Gruppe wirken auf Andi: langsam fasst er Vertrauen. Seine Mutter wird von Beginn an in die Arbeit miteinbezogen, auch sie beginnt etwas Hoffnung zu schöpfen.

Das Alles war vor 2 Jahren. Andis Weg seither war mühsam und voller tiefer Wellentäler. Noch im Frühjahr 2009 gab es mehrere Krisensitzungen in denen geklärt werden musste, ob Andi überhaupt in seiner Familie und der Regelschule bleiben kann. Während dieser ganzen Zeit konnte sich die Familie aber darauf verlassen, dass die Beziehung zum Betreuer und zur Tagesgruppe bestehen bleiben. Andi konnte jeden Tag aus seinem deprimierenden Alltag in die Oase der Tagesgruppe eintauchen. Im Sommer 2009 war er zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Sommerfreizeit. Auch damals war die Gruppe im bayerischen Wald. Es war eine neue Erfahrung: Gemeinsam mit 5 anderen Jungs in einem Schlafsaal, Betten machen, gemeinsam Essen zubereiten, putzen, Tagebuch schreiben, 3mal am Tag gemeinsam essen. Dazu das Pogrammangebot: Schwimmen, den Nationalpark Bayerischer Wald mit all seinen Tieren erkunden, seltene Steine finden und Berggipfel besteigen. Das Alles bei strahlendem Sonnenschein und frischer Luft. Andi saugt diese Erlebnisse förmlich auf. Aber er ist immer noch sehr verschlossen, zeigt kaum Emotionen und wirkt häufig einfach traurig.

Ein Jahr später, im Sommer 2010 ist die Tagesgruppe wieder eine Woche im bayerischen Wald. Wieder hat sie Glück mit dem Wetter und das Freizeitangebot für die Kinder ist einfach toll. Alle sind begeistert, haben Spaß und genießen die Urlaubsatmosphäre. Und in diesem Umfeld bemerken die Mitarbeitenden Frau Balz, Frau Renner und Herr Hofmann in aller Deutlichkeit was im zurückliegenden Jahr seit der letzten Freizeit bei Andi geschehen ist: Andi genießt die Woche in vollen Zügen, er lacht, macht Witze, ist richtig albern und manchmal fast ein bisschen frech. Aber er kann auch über sich selbst lachen. Er redet viel mit den Anderen, hat gute Ideen und macht Vorschläge an die Gruppe. Zum ersten Mal hören die Betreuer von ihm, dass er sich aufs Abendessen freue, dass er großen Hunger habe. Abends nach dem Tagebuchschreiben nimmt er sich ein Spiel und spricht so lange die anderen Kinder an, bis er einen Spielgefährten oder Gefährtin gefunden hat.

Er nutzt jede Minute des Tages um etwas zu erleben. Er ist in dieser Woche ein glücklicher Junge. Er genießt es zu den Großen und „alten Hasen“ der Gruppe zu gehören. Er fühlt sich heimisch und sicher.

 

Es ist die Rückkehr zum altbekannten Ort ein Jahr später, die es Andi und seinen Betreuern so deutlich machen, dass bei ihm ein Wunder geschehen ist. Ein Wunder, das Zeit gebraucht hat. Der Familie wurde diese Zeit gegönnt. Es war eine anstrengende und nervenaufreibende Zeit für die Tagesgruppe, doch die Arbeit hat sich gelohnt. Während dieser Zeit stand die persönliche Beziehung zur Tagesgruppe und zum Betreuer im Mittelpunkt. Sie hat sich als stabil und belastbar bewährt – sie war einfach da, auch dann, wenn Alles in Frage stand und keine kurzfristigen Ziele erreicht werden konnten.

 

Andi hat im letzten Schuljahr sein großes Ziel erreicht: Er darf die Realschule besuchen. Sein Umfeld ist noch immer schwierig, doch er schafft es mittlerweile seine eigenen Ziele persönlich zu verfolgen und seine Fähigkeiten konstruktiv zu nutzen. Andi wird seinen Weg machen. Wenn er einmal nicht mehr in die Tagesgruppe kommt gehört er vielleicht zu denen, die auch noch Jahre später zu einem Besuch vorbeikommen.

Zunächst aber darf  Andi noch ein bisschen bleiben. Es wäre schön für ihn, wenn er im nächsten Sommer vielleicht sein Abschiedsfest mit der Gruppe im bayerischen Wald feiern könnte.

 

Mittlerweile ist für die Finanzierung von Freizeitmaßnahmen der Zuschuss des Jugendamtes gestrichen (für die jetzige Freizeit 80 Euro für jedes Kind = 1.040 Euro für die Tagesgruppe mit 13 Kindern). Noch ist es unsicher, ob die Tagesgruppe für Kindern wie Andi im nächsten Jahr eine vergleichbare Freizeit durchführen kann.

 

 

Frank Hofmann, Diplom Sozialpädagoge

Tagesgruppe Hindenburgstrasse

 

Von: Frank Hofmann
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