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3.7.2016: Te Deum Mendelssohn

3.7.16, 20:30: Schön war's

Tobias Horn senkt den Taktstock, alle halten inne, Mitwirkende und Zuhörer. Dann bricht ein Beifallssturm los, der einfach nicht enden will. Einmal mehr ist es der Kantorei gelungen, mit einem Konzert zu begeistern. Mit toller Musik des 17-jährigen Felix Mendelssohn Bartholdy. 17 Jahre alt aber ein kompletter Komponist (siehe auch den nächsten Artikel). Jürgen Benkö an der Orgel gab uns nicht nur Sicherheit durch seine Begleitung sondern trug entscheidend zum Erfolg des Konzerts bei durch den gekonnten Vortrag zweier mit Höchstschwierigketen gespickten Orgelwerke der großen Franzosen Widor und Langlais.

Das – vielleicht - Wichtigste zum Schluss: Alle Solostimmen von Alt, Tenor und Bass wurden von Sängerinnen und Sängern der Kantorei gesungen. Wer kann das schon? Unsere Chorassistentin Pinelopi Argyropoulou und Katharina Blattmann begeisterten mit purem Wohlklang in ihren Sopransoli.

Noch nicht Schluss: die Kantorei singt auch noch gregorianisch, das Luthersche Te Deum in einer bemerkenswerten Aufstellung, ein „Halbchor“ auf der Empore, der zweite im Chor der Kirche. 

Hier kommen Sie zum Programmheft mit allen Einzelheiten.

Das Te Deum des 17-jährigen (!) Mendelssohn

Mendelssohn war erst 17 Jahre alt, als er im Dezember 1826 sein Te Deum für achtstimmigen gemischten Chor, Soli und Continuo fertigstellte. Als Jugendwerk kann man dieses allerdings wohl kaum bezeichnen, schuf er doch im selben Lebensjahr mit dem Oktett für Streicher und der Ouvertüre zum Sommernachtstraum unbestrittene Meisterwerke von kompositorischer Reife. Er war Wunderkind als Pianist, Dirigent und Komponist, als letzterer in diesem Alter in seiner musikalischen Entwicklung auch Mozart voraus.

Seit seinem zehnten Altersjahr wirkte er als Sänger und Dirigent in der Berliner Singakademie, welche von Goethes Freund, dem Komponisten Carl Friedrich Zelter geleitet wurde. Dort machte er sich eingehend vertraut mit den Chorwerken von Gabrieli, Schütz, Händel und Johann Sebastian Bach, dessen Matthäus-Passion er nach langer Vernachlässigung durch die Nachwelt wieder zur Aufführung brachte. Bei Zelter genoss der von seinen Eltern vorbehaltlos geförderte Junge auch von Kindesbeinen an Kompositionsunterricht.

Mendelssohns Vater, Sohn eines jüdischen Philosophen, konvertierte zur protestantischen Kirche und ließ Felix mit sieben Jahren taufen und im christlichen Glauben erziehen.

Das Te Deum schrieb Mendelssohn für die Singakademie, welche das Werk in privatem Rahmen mehrmals aufführte. Eine konzertmäßige Aufführung zu Mendelssohns Lebzeiten ist nicht überliefert. Obwohl er dem Werk keine Opuszahl zuwies und sich auch nicht um eine Drucklegung bemühte, scheint es ihm am Herzen gelegen zu haben. So leitete er an seinem zwanzigsten Geburtstag eine Aufführung in der Singakademie, die er am Flügel begleitete. Man nimmt an, dass der Chor über hundert Sängerinnen und Sänger umfasste. Die Soli übernahmen kleine Gruppen aus jeder Stimme.

Das Te Deum ist ein altkirchlicher lateinischer Hymnus, der vermutlich aus dem 4. Jahrhundert stammt. Im ersten Teil preist der gesamte Kosmos den dreieinigen Gott. Im Mittelteil wird Christus besungen, der den Gläubigen den Himmel öffnet, des Todes Stachel besiegt und am Jüngsten Gericht richtet. Der dritte Teil enthält die Fürbitte. Das Te Deum wurde anfangs hauptsächlich als Abendmahlsliturgie in der gallischen und spanischen Kirche verwendet, bis ins 16. Jahrhundert unterlegt von einer gregorianischen Melodie. Bedeutung erlangte das Te Deum aber über die Jahrhunderte hin vor allem durch seine Aufführung außerhalb des Gottesdienstes bei politischen Feiern, Jubiläen und Festen der Herrscherfamilien, so z. B. bei der Krönung Karl des Großen im Jahr 800. Offenbar wurde sein Wortlaut damals als triumphal empfunden. Im 17. Jahrhundert entstanden die ersten Vertonungen durch u. a. Prätorius, Schütz, Charpentier, Purcell (zu einem englischen Text). Auch Mendelssohn komponierte 1832 ein englisches Te Deum für vierstimmigen Chor und Orgel.

Für das achtstimmige Te Deum verwendet Mendelssohn den lateinischen Text, teilt diesen in zwölf kurze Sätze, lässt aber die meisten Verse des Mittelteils weg. Dafür wiederholt er im Schlusssatz das "Te Deum laudamus" und ein musikalisches Motiv des Eingangs. Musikalisch atmet das Werk barocke Polyphonie, durchsetzt von in die Romantik weisenden harmonischen Wendungen.

Das Werk erschien 1975 erstmals im Druck, und zwar in der DDR, da die Kinder Mendelssohns seinen kompositorischen Nachlass dem Staat Preußen mit der Auflage einen Stipendienfonds für Musiker zu errichten verkauft hatten. Es ist heute schwer fassbar, wieso dies erst anderthalb Jahrhunderte nach der Fertigstellung des Werkes erfolgte.

Martin Luther und Mendelssohn haben uns auch deutsche Versionen des Te Deum hinterlassen, gregorianisch und für vierstimmigen Chor, die Ihnen heute ebenfalls dargeboten werden.
mit freundlicher Genehmigung des Laudate-Chors Zürich