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22.11.15: Paulus

Paulus von Mendelssohn Bartholdy

Nach 130 Minuten voller Dramatik und begeisternder Musik senkt Tobias Horn den Taktstock – und ein Beifallssturm bricht los, wie selbst so erfolgsgewohnte Akteure wie unsere Kantorei, wie „unser“ Orchester Sinfonia 02, wie unsere Bläser und Pauker ihn nicht alle Tage erleben. Der Paulus hat uns alles abgefordert, insbesondere auch ein nicht zu unterschätzendes Stehvermögen – 130 Minuten sind noch nicht einmal alles, denn vor das Konzert hatte Tobias Horn den üblichen und so wichtigen Kurzdurchlauf (immerhin auch an die 90 Minuten lang) gesetzt. Doch was sind solche kleinen Strapazen gegen das Gefühl tiefer Freude und Befriedigung darüber, grandiose Musik einem dankbaren und begeisterten Publikum dargeboten zu haben. Und das bestätigen uns nicht nur die so oft zitierten Stimmen unserer zahlreichen Fans sondern auch die rezensierende Presse. Hier kommen Sie zum Programm.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Oratorium "Paulus"

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ − der bekannte Choral von Philipp Nicolai steht als Motto über Felix Mendelssohn Bartholdys erstem großen Oratorium Paulus. Die erste Strophe dieses Liedes bezieht sich auf die im Matthäusevangelium überlieferte Geschichte von den klugen und törichten Jungfrauen, die sich für die Ankunft des Bräutigams, also des Herrn, bereithalten sollen. Im Paulus steht der Choral nun für das Erwachen von Paulus’ Glauben und für seine Wandlung vom Christenverfolger zum Apostel, der die christliche Botschaft in die Welt trägt. Mendelssohn zitiert den Choral in der feierlichen Ouvertüre, die somit nicht nur Ausgangspunkt der dramatischen Handlung, sondern zugleich auch musikalische Zusammenfassung des gesamten Oratoriums ist.

 

Entstehung und Wirkung

1833 erhielt Mendelssohn vom Frankfurter Cäcilienverein den Auftrag zur Komposition eines großen Oratoriums. Die Arbeit erstreckte sich über mehr als drei Jahre und war begleitet von ständigen Korrekturen und Revisionen bereits komponierter Teile. Mendelssohn wählte biblische Texte aus der Apostelgeschichte, den Apostelbriefen und dem Alten Testament und ergänzte das Libretto mit bekannten protestantischen Chorälen. Die Uraufführung fand im Mai 1836 in Düsseldorf unter Mendelssohns Leitung mit insgesamt 536 Musikern statt, davon 364 Chorsängern – eine für diese Zeit durchaus übliche Zahl an Ausführenden. Nach der überaus erfolgreichen Premiere trat das Werk einen beispiellosen Siegeszug durch die westliche Musikwelt an. Noch im selben Jahr folgten zahlreiche Aufführungen in ganz Deutschland und England sowie bereits 1837 in den Vereinigten Staaten. Schnell wurde das Oratorium zu einem der populärsten Kirchenmusikwerke des 19. Jahrhunderts. Robert Schumann bezeichnete es als „Juwel der Gegenwart“ und selbst Richard Wagner äußerte sich zunächst begeistert über Mendelssohns Musik. Später war es dann Wagner, der mit seinem Aufsatz „Über das Judentum in der Musik“ den Boden für die antisemitische Hetze gegen Mendelssohn bereitete und zu einem jähen Abfall der Popularität Mendelssohns und seiner Musik gegen Ende des 19. Jahrhunderts beitrug. So erlebte der Paulus in weniger als 100 Jahren nach seiner Entstehung die Extreme frenetischer Popularität und fanatischer Ablehnung, die im Mendelssohn-Verbot des Nationalsozialismus gipfelte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Musik Mendelssohns wieder entdeckt und neu gewürdigt. Heute ist sie auf dem besten Weg, ihre einstige Popularität wieder zu erlangen.

Zur Musik des Paulus

 

Mendelssohns geistliche Kompositionen, allen voran der Paulus, bezeugen eine tiefe religiös-musikalische Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben. Mendelssohn entstammte selbst einer jüdischen Familie, die zum Protestantismus konvertierte und daraufhin den Namenszusatz Bartholdy annahm. Insofern verarbeitete er im Paulus auch ein Stück seiner eigenen religiösen Biographie. Seit seiner epochemachenden Wiederentdeckung und Wiederaufführung der Bachschen Matthäuspassion 1829 galt Mendelssohn als Bewahrer und Erneuerer der traditionellen Kirchenmusik und Begründer eines neuen, musikalischen Historismus. In seinen eigenen Werken ist die Anlehnung an die barocken Vorbilder unüberhörbar. So sind auch im Paulus die Parallelen zu den Passionen Johann Sebastian Bachs und den großen Oratorien Georg Friedrich Händels evident. Die Haupthandlung wird, wie in den Passionen Bachs, in Rezitativen vorgetragen – hier aufgeteilt auf Sopran- und Tenorsolo. Betrachtende Arien, Chorsätze und Choräle beleben und dramatisieren die Handlung. Bestechend ist die vielfältige Gestaltung der Chorsätze: agierend, erzählend oder reflektierend ist der Chor bei 23 der insgesamt 45 Nummern beteiligt. Schlichte Sätze stehen neben lyrischen Chören und kunstvoll komponierten Fugen. Nach dem Vorbild Bachs integrierte Mendelssohn insgesamt fünf Choräle als reflektierende Ruhepunkte in sein Oratorium.

 

Besonders in der Verwendung der Fuge – der wichtigsten und tiefgründigsten Gattung der barocken Musiksprache – wird der Rückbezug auf die barocken Meister deutlich. Mendelssohn verwendete die Fuge, um textliche und musikalische Aussagen zu intens ivieren und ihnen besonderes Gewicht zu geben. Prägnantestes Beispiel aus dem Paulus ist die im alten Motettenstil komponierte Fuge „Aber unser Gott ist im Himmel“ (Nr. 36). Die Verwendung des sogenannten Palestrina-Stils aus dem 16. Jahrhundert gibt den Worten des Paulus an dieser Stelle eine feierliche Tiefgründigkeit und Allgemeingültigkeit. Mendelssohn bindet auf geniale Weise Martin Luthers Glaubenslied „Wir glauben all an einen Gott“ in die Fuge ein. Durch das eingefügte musikalische Glaubensbekenntnis erhalten die Worte des Paulus eine neue Dimension. Diese in Musik gesetzte Theologie und die symbolische Verneigung vor den alten Meistern bezeugen Mendelssohns große kompositorische Meisterschaft.


Die biblische Figur des Paulus

Im Zentrum des zweiteiligen Oratoriums Paulus steht der Werdegang des Christenverfolgers Saulus zum Apostel Paulus, der im 1. Jahrhundert als erster Missionar die christliche Botschaft im gesamten Mittelmeerraum verkündete. Anders als die anderen Apostel trat Paulus erst etwa im Jahr 33, also nach Jesu Tod in Erscheinung. Er war strenggläubiger Jude und verfolgte mit Vehemenz die ersten Christen. Paulus war maßgeblich an der in der Apostelgeschichte überlieferten Steinigung des Stephanus beteiligt, einem Diakon der Jerusalemer Urgemeinde, der wegen seines Bekenntnisses zu Jesus Christus getötet wurde und als erster christlicher Märtyrer gilt. Nach diesem Ereignis ging Saulus nach Damaskus, wo er ebenfalls gewaltsam gegen die Anhänger der christlichen Lehre vorgehen wollte. Auf dem Weg erschien ihm Jesus Christus und beauftragte ihn, ihm zu folgen. Nach dreitägiger Blindheit war Saulus zum Christentum bekehrt. Er ließ sich taufen und wurde unter dem römischen Namen Paulus zum Apostel Jesu Christi. Obwohl er bereits seit seiner Geburt die beiden Namen Saulus und Paulus trug, hat die Redewendung „vom Saulus zum Paulus werden“, die für eine überraschende Kehrtwendung im Leben und Denken eines Menschen steht, ihren Ursprung in der Paulusgeschichte. Aufgrund seiner Herkunft aus Tarsus in Kleinasien und seiner griechischen Bildung führten ihn seine Missionsreisen vor allem nach Griechenland, wo er neue Gemeinden gründete und vor allem Nichtjuden zum Christentum bekehrte. Seine zum Schriftbestand des Neuen Testaments gehörenden Briefe an die griechischen Christengemeinden belegen seine Missionstätigkeit. Paulus befand sich mehrmals in Gefangenschaft, wurde von gesetzestreuen Juden wegen seiner Abkehr vom Judentum verfolgt und vermutlich in Rom hingerichtet. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Zentrales Thema der paulinischen Theologie ist die Frage, ob der Mensch durch die Einhaltung von Gesetzen oder allein durch den Glauben an Jesus Christus erlöst wird. Diese christozentrische Lehre und die Abkehr von den jüdischen Ritualvorschriften leiteten die Loslösung des neuen Glaubens vom Judentum und die Ausbildung einer eigenständigen, schließlich weltumspannenden christlichen Religion ein. In der Kunst wird Paulus gewöhnlich als kahlköpfiger, bärtiger Mann mit Buch und Schwert dargestellt. Bei Martin Luther und davon ausgehend in der evangelischen Kirche spielt die Theologie des Paulus eine besondere Rolle. In ihm bündeln sich Positionen und Fragen aus Judentum und Christentum. Für den vom Judentum zum Protestantismus konvertierten Mendelssohn war die Figur des Paulus sicher eine identitätsstiftende Quelle für die eigene religiöse Auseinandersetzung.

 

Handlung

Teil 1

Für sein Oratorium griff Mendelssohn drei große Ereignisse aus dem Leben des Paulus heraus – die Steinigung des Stephanus, das Bekehrungserlebnis vor Damaskus und das Wirken als Missionar. Mendelssohn erweiterte den Eingangsteil nach der Ouvertüre um einen glanzvoll instrumentierten Chorsatz und den schlichten Choral „Allein Gott in der Höh sei Ehr“. Danach führt die Szene mitten hinein in das dramatische Geschehen der Steinigung des Christen Stephanus, der von gesetzestreuen Juden in Jerusalem ermordet wird. Der Chor übernimmt hier die Rolle der aufgebrachten Volksmenge, die ihn anklagt, er habe gesagt, dass Jesus den jüdischen Tempel zerstören und die jüdischen Gesetze ändern wird (Nr. 5). Stephanus verteidigt sich in einem ausdrucksstarken, immer erregter werdenden Rezitativ (Nr. 6). Die aufgebrachten Juden unterbrechen ihn und fordern „Weg, weg mit dem“. Erster Höhepunkt und zugleich Ruhepunkt in dem sich entwickelnden Drama ist die liebliche Sopranarie „Jerusalem“ (Nr.7), sehr kontrastreich gefolgt vom Aufruf der erregten Menge „Steiniget ihn“ (Nr.8). Im Sterben bittet Stephanus für seine Sünder und wird somit zum ersten christlichen Märtyrer (Nr.9). Der die Szene abschließende feierliche Choral „Dir Herr, dir will ich mich ergeben“ reflektiert noch einmal den unerschütterlichen Glauben des Stephanus. Im folgenden Rezitativ (Nr. 10) wird Saulus von Tarsus eingeführt. Der beruhigende, orchesterbegleitete Choral „Siehe, wir preisen selig“ (Nr. 11) verbindet die in der Stephanusszene deutlich gewordene christliche Botschaft vom Glauben an das ewige Leben mit der Paulusgeschichte. Saulus singt seine wütende Zornesarie gegen die Christen (Nr. 12) und begibt sich auf den Weg nach Damaskus. Das folgende Alt-Arioso (Nr. 13) bereitet die Erscheinung des Herrn vor und leitet zur zentralen Szene, zum geistigen Kern des Oratoriums über: auf dem Weg nach Damaskus erscheint ihm Jesus Christus. Eindringlich komponierte Mendelssohn hier die Worte des Herrn für vierstimmigen Frauenchor (Nr. 14). Eingebettet in lichte Fis-Moll-Akkorde der Bläser, die der Szene eine geisterhafte, sphärische Dimension geben, scheint der Ruf wie aus mystischer Ferne zu kommen. Der Chorsatz „Mache dich auf, werde Licht“ (Nr. 15) und der anschließende Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (Nr. 16), der jetzt mit Text erklingt, bekräftigen die Aufforderung zur inneren Wandlung. Im Mittelpunkt des folgenden Berichts von Saulus’ Begegnung mit Ananias in Damaskus, der Heilung seiner dreitägigen Blindheit und seiner Taufe stehen die beiden Arien (Nr. 18 und Nr. 20) in denen die Hinwendung zum christlichen Glauben und die Wandlung zum Apostel zum Ausdruck kommen. Bekräftigend fällt der Chor in Paulus’ Dankesarie ein. Der feierliche Chorsatz  „O welch eine Tiefe“ (Nr. 22) beschließt den ersten Teil des Oratoriums.

 

Teil 2

Der zweite, weniger dramatische Teil des Oratoriums erzählt von den Missionsreisen des Paulus und seines Gefährten Barnabas. Im strahlenden Eingangschor „Der Erdkreis ist nun des Herrn“ (Nr. 23) erweitert Mendelssohn die gewohnte Vierstimmigkeit durch Teilung der Soprane zur Fünfstimmigkeit. Das Fugenthema erinnert an das Jupitermotiv aus Mozarts „Jupitersinfonie“ - tatsächlich wurde das Motiv aber bereits von zahlreichen Komponisten vor Mozart verwendet und hier von Mendelssohn wieder aufgegriffen. Der Chor begleitet den Aufbruch der beiden Missionare mit dem lyrisch-pastoralen Chorsatz „Wie lieblich sind die Boten, die den Frieden verkündigen“ (Nr. 26). Paulus’ Auftreten ruft den Unmut der Juden hervor – wiederum wird hier der Chor zum Sprachrohr der aufgebrachten Masse (Nr. 28 und 29). Versöhnlich stimmt der mit Orchesterzwischenspielen unterbrochene Choral „O Jesu Christe, wahres Licht“. Nachdem Paulus einen Lahmen geheilt hat (Nr. 32), sehen die Heiden in ihm und Barnabas die Verkörperung griechischer Götter. In zwei Chorsätzen kommt die heidnische Götterverehrung zum Ausdruck: fulminant in „Die Götter sind den Menschen gleich geworden“ (Nr. 33) und bittend mit den Worten „Seid uns gnädig“ (Nr. 35), wobei hier die Ironie der heidnischen Götterbeschwörung in dem schlangenbeschwörerischen Motiv der Soloflöte hörbar wird. Das Zentrum des zweiten Teils bildet die Chorfuge „Aber unser Gott ist im Himmel“ als Paulus’ Antwort an die Heiden (Nr. 36). Mendelssohn komponierte diesen Satz im sogenannten „alten Kirchenstil“ als vierstimmige Motette mit einer fünften Stimme, die in langen Notenwerten Martin Luthers Glaubenslied „Wir glauben all an einen Gott“ zitiert. Das Glaubenslied ist das christliche Glaubensbekenntnis, das Paulus den Heiden zuruft. Es ist das Kernstück des christlichen Glaubens und somit auch Höhepunkt der paulinischen Mission. Aber der Zorn der Juden und Heiden gegen Paulus wächst. Nun ist Paulus in der Position, in der sich Stephanus zu Beginn befand. Das rachsüchtige „Steiniget ihn“ (Nr.38) – auch musikalisch ein Rückgriff auf den Chorsatz Nr. 8 – gilt nun Paulus. Die innige Tenor-Cavatine „Sei getreu bis in den Tod“ (Nr. 40) ist Zuspruch an Paulus und zugleich auch Vorausahnung seines nahenden Todes. In einer ergreifenden Szene nimmt Paulus Abschied von seiner Gemeinde (Nr. 41-43). Das Werk endet mit dem feierlichen Lobpreis „Nicht aber ihm allein“, der in eine kunstvolle Doppelfuge über Psalm 103, „Lobe den Herrn, meine Seele“, übergeht (Nr. 45).

 

Cordula Scobel

Der Flyer von Wolfgang Kern

Fotos: Figielski