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Jugendhilfe-Utopie trifft Realität

In den letzten Tages des Abschieds vom Jugendhilfeleiter der Karlshöhe Ludwigsburg, Rolf Walter-Planker, fand ein längst überfälliger Fachtag statt, der mit ähnlicher Fragestellung bereits in vielen Regionen die Fachöffentlichkeit bewegt. Wie umgehen mit einer zunehmenden Zahl von Kindern und Jugendlichen, an denen jede Hilfemaßnahme scheitert? Wie wegkommen von der Stigmatisierung “Systemsprenger”? Zum Vortrag kam Fachmann Prof. Dr. Mathias Schwabe/EH-Berlin mit einer fundierten Utopie.

Ein Kind braucht die sichere Gebundenheit in einer Familie, um seine Identität, seine Gaben und Stärken zu entwickeln. Eltern brauchen Vorbilder und Unterstützungsnetzwerke für die Erziehung ihrer Kinder, niemand schafft dies alleine. Kindern hilft Kontinuität an Vorbildern, Freunden, Hobby, Vereinen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Wenn es zu einer Krise kommt, hilft Beteiligung und Rücksichtnahme auf Bedürfnisse der Betroffenen und das Nutzen der eigenen Ressourcen…

Nur, für immer mehr Kinder und Familien ist dies eine Utopie, hat dies keinen Platz und keine Realität. Sogar Fachleute aus allen Disziplinen scheitern in manchen Fällen am Anspruch dieser Normalität.

Schwabe hat aufgrund seiner Forschung bundesweit Einblick in Fallgeschichten, an denen Hilfssysteme regelmäßig scheitern. Geschichten von Kindern und Jugendlichen, denen sogar 15 stationäre Hilfemaßnahmen nacheinander nicht helfen. Geschichten bei denen alle, angefangen bei Eltern bis zu Schule, Jugendamt, den pädagogischen Mitarbeitern, Kinder- und Jugendpsychiatrien, Polizei und Jugendgerichten hilflos zuschauen müssen, wie der Bedarf dieser Kinder und Jugendlichen offensichtlich jeden Hilfeansatz sprengt. Schwabe ist nicht nur Fachmann im Erzählen schwieriger Fälle sondern auch Spezialist für Lösungsansätze. Beim Fachvortrag und in den Austauschrunden wurde deutlich, solche Fälle sind den Zuhörenden nicht fremd. Die Neugierde der 80 Fachleute war groß. Gebannt hörten Lehrer, Erzieher, Studierende, Sozialpädagogen, Polizisten aus dem Landkreis, ob sie Antworten finden darauf, wie dieses Scheitern verhindert werden kann. Wie wird an diesen Herausforderungen andernorts gearbeitet und was kann man lernen?

Der Vortrag “(Un)mögliche Lösungen - von Jugendlichen, die uns an unsere Grenzen bringen.” baute konsequent auf die Einbeziehung “Lösungen zweiter Ordnung”, setzte an den Ursachen an und nicht nur an Symptomen. Die Zuhörer mussten zwangsläufig über die eigenen Denkgewohnheiten, Zuständigkeiten und Handlungsansätze mit hinausgehen, um nicht den Anschluss an die neun Punkte der vorgetragenen Utopie zu verlieren. Absolut provozierend der Gedanke, dass Mitarbeitende des Jugendamtes und eines Jugendhilfeträgers zuständig bleiben, bis ein junger Mensch in die Selbständigkeit geht, auch wenn die Familienphase der Zuständigen eintritt. Scheitern und Abbruch der Maßnahme nicht vorgesehen - Punkt! Der Rote Faden der Hilfebeziehung darf nicht abreißen - Punkt!. Multiprofessionelle Kriseninterventionsteams, die ad hoc eingreifen können. Kosten spielen selbstverständliche keine Rolle, weil alle ein Interesse am Gelingen der Hilfe haben. Umso schmerzvoller war das Zuhören, wenn deutlich wurde, dass die eigene Systemimmanenz Probleme eher verschärft als löst. Unbeirrt durch Geraune, Gelächter und Protest hindurch trug der Utopist seine Ideen vor. Eine Utopie müsse man auch mal ganz hören und versuchen zu verstehen, um daraus für die Gegenwart zu lernen - umso mehr, wenn sie fundiert ist und andernorts oder in Teilen schon funktioniert. Von einer Utopie alles umsetzen zu können, sei unwahrscheinlich. Aber sie kann Kraft und Begeisterung geben. Sie kann leitende Vision für Schritte in die richtige Richtung werden.

Schwabe redete dann auch von “mitwachsenden Maßanzügen”, von “intelligenter Settingarchitektur”, brachte Praxisbeispiele aus ganz Deutschland. Er zeigte auf, was möglich ist, wenn Akteure einsteigen in lösungsorientierte Kooperation. Er redete davon, über die eigene Einrichtung, über die Behörde hinaus einzusteigen in Kooperation auf Augenhöhe. Und dies um des Kindes willen mit der klaren Haltung: Wir sind und bleiben jetzt zuständig und wir alle halten unsere jungen Menschen aus. Er nennt dies auch Synchronisation der Systeme. Diese erzeugt Sicherheit und minimiert Abbrüche. Lernen ist da zuerst nicht bei Kindern und Eltern angesagt sondern bei den Hilfeakteuren: Was müssen wir wissen, was verstehen, was lernen, mit welchem Handlungsansatz das Richtige tun?

Und er redete von Auszeiten, Zeiten der Erholung, bevor Pädagogen beginnen, die Anvertrauten zu hassen oder abzustoßen. Es könne nicht sein, dass Eltern die Auszeit von ihren Kindern auf Dauer genießen oder erleiden. Genauso wenig können Pädagogen Kinder auf Dauer aushalten, die von mächtigen und tiefen seelischen Sehnsüchten getrieben, Naturgesetzen gleich, nur eines wollen: in ihrer Familie aufwachsen, gehalten und geliebt sein, normal sein. Logisch, dass sie sich gegen “bezahlten Ersatz” nur auflehnen können. Alle, Eltern und Pädagogen gehen eine Risikopartnerschaft ein, eine Erziehungspartnerschaft - um des Kindes willen.  Selbstverständlich ist in dieser Utopie, dass sich Pädagogen immer im Doppeldienst um die Belange des Einzelnen, um die Belange der Gruppe und um die Beteiligung von Eltern und Schule kümmern können.

Fast unglaublich utopisch, dass die hohe Flexibilität und Leistungsbereitschaft der pädagogischen Betreuer*innen ganz selbstverständlich besonders honoriert wird, weil dies nur möglich ist, wenn die ganze Familie eines/r Mitarbeiter*in dies mitträgt und aushält.

Schwabe hinterließ Kopfschütteln, viele Aber, tiefes Nachdenken aber auch viele “Genau wie ich es schon immer sage!” und “Es müsste doch zu schaffen sein!” - eine fachlich fundierte Utopie, auf jeden Fall eine Provokation zur Auseinandersetzung mit systemimmanentem Scheitern.
Angestoßen durch eine Fallberatung mit Prof.Dr.Schwabe am Vortag wird in der Jugendhilfe der Karlshöhe an einer Konzeption gearbeitet für Auszeiten, Beurlaubungen, Erholungsphasen unter Nutzung aller Ressourcen, die zur Verfügung stehen - mit den Zielen: Die Hilfe soll nicht scheitern. Kein Jugendlicher soll verloren gehen. Die Mitarbeiter sollen gesund und engagiert am Ball bleiben können. Man kann als diakonische Jugendhilfe da nicht weghören sondern muss sich diesem Anruf aus einer besseren Zukunft stellen. Zumal in manchen Fällen in den eigenen Reihen diese Utopie Wirklichkeit ist, entstanden aus einer ganz persönlichen Grundhaltung.

Von: Dieter Sauter / Dipl.Soz.päd. (FH) / Diakon
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