(1) Hintergrund der Aufarbeitung auf der Karlshöhe
(2) Jugendhilfe der Karlshöhe heute
(3) Zur Geschichte der Karlshöhe
(4) Zum Projekt: Beschreibung - Mitglieder - Ziel
(5) Tag der Begegnung im September 2008
(6) Wissenschaftliche Arbeiten
(7) Tag der öffentlichen Erinnerung
(8) Bundesebene, Runder Tisch
(9) Erklärung gegenüber der Presse am 12.02.09 von Kirchenrätin Heike Baehrens, Stellv. Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes Württemberg
(10) Erklärung gegenüber der Presse am 12.02.09 von Pfarrer Frieder Grau, Sprecher des Vorstandes und theologischer Leiter der Karlshöhe
(11) Erklärung der Ehemaligen gegenüber der Presse am 12.02.09
Weitere Info: Diakon Jörg Conzelmann
(1) Hintergrund der Aufarbeitung auf der Karlshöhe
Die Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg ist bereits seit 2006 im Gespräch mit ehemaligen Kinderheimbewohner/innen, um dem Thema der Heimerziehung in jener Zeit Raum zu geben. Im Februar 2007 hat sich auf die Anregung ehemaliger Kinder hin eine Projektgruppe gebildet, zu der neben Vertretern der heutigen Karlshöhe sowohl ehemalige Mitarbeiter/innen als auch ehemalige Kinderheimbewohner/innen gehören.
Die Gruppe geht jener Zeit nach: Was waren die Ursachen für die belastenden Erfahrungen? Wie kam es dazu, dass Kinder schlecht behandelt wurden? Warum waren Erzieher/innen oft überfordert und sind ausgerastet? Welche langwierigen Folgen hatte dies für das spätere Leben der Kinder? Welche Erziehungssysteme und Rahmenbedingungen standen im Hintergrund?
Auch wenn von der Karlshöhe im Gegensatz zu vielen anderen staatlichen und kirchlichen Kinderheimen jener Zeit wenig Verletzungen der Menschenwürde dokumentiert sind, zeigen die Berichte Ehemaliger, dass es auch hier Vorgehensweisen gab, die den Kindern auf ihrem weiteren Lebensweg sehr viel mehr schadeten als halfen und dem (heutigen) christlichen Menschenbild widersprechen: Gesellschaftlich zu jener Zeit akzeptierte und in nahezu allen Familien gängige Erziehungsmuster machten vor der Karlshöhe nicht halt. Die damaligen Einrichtungen mit ihren Erzieherinnen und Erziehern wurden zusätzlich bedrängt durch einen immensen Mangel an Geld, was neben einer spärlichen Ausstattung auch einen Personalschlüssel zur Folge hatte, der für jeden Erwachsenen eine Überforderung darstellen musste und immer wieder zu Fehlverhalten führte, das die Kinder zu erleiden hatten. Dabei gerieten die Bedürfnisse der einzelnen Kinder und deren berechtigter, natürlicher und selbstverständlicher Wunsch nach Zuwendung, Liebe, Anerkennung, Bestärkung immer wieder aus dem Blick – viele fühlten sich allein, minderwertig, ungewollt. Dennoch gab es auf der Karlshöhe auch hellere Zeiten und Ereignisse, in denen die Betroffenen ein Stück des Angenommenseins empfanden, das ihnen bereits von ihren eigenen Familien versagt wurde.
(2) Jugendhilfe heute
Heute arbeitet die Karlshöher Jugendhilfe mit modernen pädagogischen Konzepten, mit fachlich ausgebildeten und christlich geprägten Mitarbeiter/innen, mit maßgeschneiderten Angeboten und mitten im Ort, verteilt im Landkreis Ludwigsburg und darüber hinaus. Gleichzeitig wird die Arbeit aber auch heute immer wieder eingeengt und herausgefordert durch Geldkürzungen, kurzfristige Projektfinanzierungen, ständig wechselnde Vorgaben, wachsende Konkurrenz.
(3) Zur Geschichte
Die Karlshöhe Ludwigsburg wurde 1876 von evangelischen Christen als „Brüder- und Kinderanstalt“ gegründet. Die Kinder – das waren Jungen und Mädchen ohne Zuhause aus Ludwigsburg und der Umgebung. Die Brüder (später Diakone) – das waren die christlichen Pädagogen, die den Kindern das verloren gegangene Zuhause ersetzen sollten.
Vorbild für die Gründung war das von Johann Hinrich Wichern in Hamburg geschaffene „Rauhe Haus“. Nach dem Konzept des Theologen wurden vernachlässigte und verwaiste Kinder im Gegensatz zu den üblichen Standards in kleineren, familienähnlichen Gruppen untergebracht. „Brüder“, später „Diakone“ genannt, übernahmen ihre Betreuung und wurden dazu vor Ort pädagogisch und theologisch ausgebildet. So wurde es dann auch auf der Karlshöhe praktiziert: Während Kinder zuvor im Ludwigsburger Mathildenstift in riesigen Schlafsälen untergebracht waren, konnten die Jungen und Mädchen in den neu gebauten Häusern auf der Karlshöhe in Gruppen von „nur“ noch 20 Kindern wohnen. Gleichzeitig stand mehr pädagogisches Personal zur Verfügung.
Dem Zeitgeist entsprechend waren Kinder wie auch Diakone über die nächsten Jahrzehnte dazu verpflichtet, in der Hauswirtschaft, auf den Feldern und den technischen Diensten mitzuarbeiten.
Mehr zur Geschichte der Karlshöhe
(4) Zum Projekt
Die Projektgruppe zur Kinderheimerziehung in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts trifft sich seit Febraur 2007 etwa fünf Mal jährlich. Seit 1976 schon gibt es eine Ehemaligen-Gruppe von rund 10 Personen, die sich regelmäßig trifft und die alle drei Jahre ein Ehemaligen-Treffen organisiert, an dem jeweils rund 30 Personen teilnehmen.
Mitglieder
Neben drei ehemaligen Heimkindern (zwei Frauen, ein Mann) gehören zur Projektgruppe ein ehemaliger Mitarbeiter (zwei weitere sind in der Zwischenzeit leider verstorben) sowie der jetzige Leiter der Kinder- und Jugendhilfe (Diakon Hans Fischer), der Öffentlichkeitsreferent (Diakon Jörg Conzelmann, Projektleitung) und der Theologische Leiter der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg (Pfarrer Frieder Grau).
Ziel
Ziel ist die Reflexion jener Zeit, die Dokumentation und die Suche nach Ansätzen für die Aufarbeitung.
(5) Tag der Begegnung im September 2008
Am 28. September 2008 trafen sich rund 70 ehemalige Heimkinder und Heimerzieher auf der Karlshöhe zu einem „Tag der Begegnung“, der von der Heimkinderprojektgruppe vorbereitet wurde, um den Ehemaligen untereinander und ohne Öffentlichkeit die Möglichkeit zur Begegnung, zum Austausch und zur Reflexion zu geben.
Viele davon sahen sich gegenseitig und die Karlshöhe zum ersten Mal nach über vierzig Jahren wieder. Ein Gottesdienst – mitgestaltet von Ehemaligen - öffnete durch die Predigt von Frieder Grau und Beiträge Ehemaliger zu Beginn die Tür für Mensch und Seele. Die Heimkinderprojektgruppe hatte einen Rahmen geschaffen, der eine wohlwollende Atmosphäre ermöglichte. Verschiedene thematische Räume sollten die Erinnerungen und Stimmungen auffangen. So wurde von den Ehemaligen ein Raum der Stille und ein Raum der Erinnerung angeboten, im Kreativraum konnten die Teilnehmer ihren Empfindungen gestalterisch Ausdruck verleihen: Annelen Schünemann, die für die Karlshöhe ein Kunstwerk zum Thema schuf und in ihrem neu erschienen Buch „Heimweh“ über ihre Erfahrungen sehr eindrücklich berichtet, hatte dafür eine anregende Umgebung geschaffen. Im Raum der Begegnung zeigte Adelheid Schweigert das über Monate gesammelte historische Bildmaterial, das viele Erinnerungen wachrief und Gespräche anregte.
Von Seiten des Archivs der Evangelischen Landeskirche in Württembergwurde Ehemaligen von Dorothea Reuter und Dorothea Besch die Möglichkeit angeboten, ihre Kinderakten einzusehen. Das Aktenstudium war für viele ein bewegender oder sogar erschütternder Moment, da sich in den Dokumenten oft sehr verdichtet die (negative) Einschätzung des Einzelnen wiederfand oder sich beispielsweise herausstellte, dass Briefe der Eltern unterschlagen wurden (diese Praxis sollte verhindern, dass die Kinder zu großes Heimweh bekommen). Mit großer Voraussicht hatten die Ehemaligen angeregt, am Tag der Begegnung zwei Psychologen zur Seite zur Stellen, um die aufbrechenden Gefühle auffangen zu können. Deren Dienste wurden rege in Anspruch genommen.
(6) Wissenschaftliche Arbeiten
In diesem Zusammenhang stehen zwei Diplomarbeiten:
(a) Manuel Metzger: Heimerziehung in den 1960er Jahren, betreut von der Evang. Hochschule Ludwigsburg (liegt vor).
(b) Frank Schröppel, betreut vom Diakoniewissenschaftlichen Institut Heidelberg (Ende 2009/Anfang 2010).
Im Auftrag der Kirchen und christlichen Wohlfahrtsverbände setzt sich die Universität Bochum mit einem Forschungsauftrag mit dem Thema auseinander.
(7) Tag der öffentlichen Erinnerung
Am 14. Februar 2009 wird bei einem „Tag der öffentlichen Erinnerung“ unter dem Titel "Kinder haben Rechte - Erinnerung und Ausblick" die Arbeit der Projektgruppe der Öffentlichkeit vorgestellt und durch verschiedene fachliche Beiträge sowie eine Ausstellung des landeskirchlichen Archivs (Kuratorin: Dorothea Reuter) vertieft. Die Medien wurden bei einem gemeinsamen Pressegespräch von Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg und Diakonischem Werk Württemberg am 12. Februar informiert.
(8) Bundesebene
Auf Bundesebene befassen sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), das Diakonische Werk der EKD, die Deutsche Bischofskonferenz und Caritas mit der Thematik. Vom diakonischen Werk Niedersachsen liegt eine öffentliche Stellungnahme vor. Im Bundestag setzt sich ein Petitionsausschuss damit auseinander, der unter Leitung von Antje Vollmer, MdB, im Dezember 2008 einen Zwischenbericht vorlegte und die Einberufung eines runden Tisches vorschlug, der sich erstmals am 16. Februar 2009 zusammensetzte und sich im April wieder trifft.
Der Runde Tisch wird im Abstand von zwei Monaten jeweils für zwei Tage zusammentreten. Bis zum Jahresbeginn 2010 soll ein Zwischenbericht, Ende 2010 der Abschlussbericht vorliegen. Den Erfahrungen der Betroffenen wird breiter Raqum gegeben, um dann die rechtlichen Verantwortlichkeiten zu klären und abschließend eine zeitgeschichtliche Eionordnung der Fälle vorzunehmen. Dabei spielen die katholische und evangelische Kirche eine besondere Rolle. In ihrer Trägerschaft waren 80 % der damaligen Heime, 20 % waren in staatlicher Hand.
(9) Erklärung gegenüber der Presse am 12.02.09 von Kirchenrätin Heike Baehrens, Stellv. Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werkes Württemberg
Lernen aus der Vergangenheit und Sorge tragen für die Zukunft
Die Alltagssituation in der Heimerziehung der 50er und 60er Jahre wurde in den vergangenen beiden Jahren zu einem wichtigen Thema, das Politik, Medien und Öffentlichkeit beschäftigt. Gab es zuvor nur vereinzelt Anfragen oder auch Klagen über frühere Zustände in Heimen, so fühlten sich durch die öffentliche Aufmerksamkeit der letzten Jahre viele ehemalige „Heimkinder“, aber auch ehemalige Erzieherinnen und Erzieher, ermutigt, über die damalige Situation zu sprechen, sich auszutauschen oder auch erlittenes Unrecht zu beklagen. Solche persönliche Aufarbeitung von Erfahrungen ist enorm wichtig und braucht ihren Platz im öffentlichen wie auch im kirchlich-diakonischen Diskurs.
Gleichzeitig ist ins Bewusstsein zu rufen, dass schon die Heimkampagne Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre die strukturellen und pädagogischen Defizite der Heimerziehung in der Nachkriegszeit politisch und fachlich fundiert aufgearbeitet hat. Daraus sind maßgebliche Reformen der Heimerziehung und neue pädagogische Ansätze der sozialen Arbeit entstanden, die überwiegend bis heute Bestand haben.
Mit Respekt und Anerkennung verfolgen und begleiten wir vom Diakonischen Werk Württemberg die Initiative der Karlshöhe Ludwigsburg zur Aufarbeitung der Situation von Heimkindern in den 50er und 60er Jahren. Insbesondere die Zusammenarbeit zwischen ehemaligen Heimkindern, ehemaligen Erzieher/innen und heutigen Führungskräften trägt dazu bei, dass Erinnerung unterstützt und Reflexion möglich wird. Mit der Hinzuziehung ehemaliger Heimleiter diakonischer Einrichtungen aus den 60er bis 90er Jahren wird die individuelle Erfahrung um eine strukturelle Perspektive erweitert und in einen größeren geschichtlichen Kontext gesetzt.
Als Schwerpunkt des 3. Karlshöher Diakonietages erhält das Thema einen prominenten Platz und lässt neben der fachlichen Aufarbeitung auch Raum für einen symbolischen und politischen Akt in Form der "Karlshöher Erklärungen“ von Einrichtung und Betroffenen. Die klare Entschuldigung der heutigen Verantwortlichen der Karlshöhe in der Nachfolge der damals Tätigen ist mehr als ein symbolischer Akt und bietet einen Ansatz für Versöhnung. Beispielhaft wird hier gezeigt, wie diakonische Einrichtungen sich der problematischen Vergangenheit stellen und daraus für die Zukunft lernen können.
Es liegt dabei im Charakter einer solchen bekennenden Erklärung, dass diese auf die Verantwortung der eigenen Einrichtung bezogen bleibt. Eine verallgemeinernde generelle Erklärung würde dem Anliegen der Beteiligten und Betroffenen nicht gerecht und könnte als "billige Entschuldigung" verstanden werden, um die Angelegenheit abzuschließen und aus der Welt zu schaffen. Die Erklärung wird vom Diakonischen Werk Württemberg und dem Fachverband Kinder, Jugend und Familie mitgetragen. Sie ist - gerade zum jetzigen Zeitpunkt - eine nicht wiederholbare Chance, die Aufarbeitung der Heimerziehung der Nachkriegszeit unter Beteiligung von Zeitzeugen öffentlich zu machen und zu würdigen. Im Rückblick auf damals ist es wichtig, sich den Zusammenhang zwischen den damaligen Rahmenbedingungen der Heimerziehung, den pädagogischen Konzepten der Nachkriegszeit und deren alltäglichen Auswirkungen zu vergegenwärtigen. Die Ambivalenz zwischen beachtlichem persönlichem Engagement, fachlichem und menschlichem Fehlverhalten, fragwürdigen und zum Teil inhumanen Erziehungsmethoden und völlig unzureichenden äußeren Rahmenbedingungen war - aus heutiger Sicht betrachtet - ein fast durchgängiges Merkmal der Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen haben in diesem Zusammenhang auf die "erzieherischen Nachwirkungen des Nationalsozialismus" und die Verschüttung reformpädagogischer Ansätze aus der Vorkriegszeit verwiesen.
Gerade die Jugendhilfe der Karlshöhe Ludwigsburg mit ihrer aktuellen Orientierung am pädagogischen Konzept und Vermächtnis von Janus Korczak hat diese Erkenntnisse aufgegriffen und die daraus erwachsene Verpflichtung angenommen. Hier wie auch in anderen diakonischen Jugendhilfeeinrichtungen sehen wir uns darum in besonderer Weise herausgefordert
- zur Umsetzung des diakonischen Leitbildes in eine respektvolle, würdigende und ressourcenorientierte Pädagogik;
- zur Professionalisierung der sozialen Arbeit und damit auch der Heimerziehung,
- zur Gewährleistung einer guten personellen und räumlichen Ausstattung von Heimerziehung und
- zum Aufbau von Konzepten der Qualitätsentwicklung als zusätzlichem Garant für den Schutz von Kindern und Mitarbeitenden.
Den 3. Karlshöher Diakonietag nehmen wir als Diakonie Württemberg darum zum Anlass darauf hinzuweisen, dass Heimerziehung aktuell wieder an einem kritischen Punkt angekommen ist. Die fachlich im Prinzip berechtigte Ausrichtung auf ambulante erzieherische Hilfen, die oft verspätete Einleitung von Heimerziehung, die immer kürzere Verweildauer und der massive Kostendruck auf die Einrichtungen hat zu prekären Entwicklungen und neuen aktuellen Herausforderungen geführt. Darum appellieren wir an alle, die im Rahmen der öffentlichen und freien Jugendhilfe Verantwortung tragen, mit uns gemeinsam aus der Vergangenheit zu lernen:
- Der Schutz von Kindern in Familien braucht die Aufmerksamkeit aller und das Knüpfen lückenloser Netzwerke im Gemeinwesen.
- Die Rechte von Kindern im umfassenden Sinn der UN-Kinderrechtskonvention sind weltweit und auch in Deutschland umzusetzen und mit Leben zu füllen.
- Die personellen Rahmenbedingungen der Heimerziehung müssen so verbessert werden, dass sie eine umfassende und individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen garantieren.
- Psychiatrische Auffälligkeiten und Krankheiten verlangen kleine und spezialisierte Gruppen mit intensiver Betreuung und hochkompetentem Personal.
- Pädagogische Konzepte und Alltagshaltungen müssen durchgängig respektvoll, wertschätzend, lösungs- und ressourcenorientiert angelegt werden.
Das Diakonische Werk Württemberg wird sich gemeinsam mit seinem Fachverband Kinder, Jugend und Familie und seinen Einrichtungen darum weiter nachdrücklich dafür einsetzen, dass die fachlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine gelingende Heimerziehung strukturell und flächendeckend geschaffen werden.
(10) Erklärung gegenüber der Presse am 12.02.09 von Pfarrer Frieder Grau, Sprecher des Vorstandes und Theologischer Leiter der Karlshöhe
„Die Förderung des einzelnen ist der Zweck der hiesigen Anstalt“ heißt es 1876 im Gründungstext des Kinderheims der Karlshöhe Ludwigsburg. „Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Mensch. Mit fachlicher Qualität und persönlicher Wertschätzung begleiten und fördern wir Menschen, die sich uns anvertrauen“, sagt das moderne Karlshöher Leitbild 2004.
Wenn Du nicht gut tust, kommst Du auf die Karlshöhe“. Davon können heute noch ältere Ludwigsburger berichten.
Die Heimerziehung der 50er und 60er Jahre hatte keinen guten Ruf. Kinder und Jugendliche waren isoliert in der „Anstalt“ hinter dem Salonwald und stigmatisiert als „Heimkinder“.
In einem intensiven Prozess stellt sich die Karlshöhe Ludwigsburg seit zwei Jahren dem Dialog mit ehemaligen Heimkindern der 50er und 60er Jahre. Dieser Prozess, von einem ehemaligen Heimkind angestoßen, ist für die Karlshöhe von sehr großer Bedeutung und wird als Chefsache behandelt: Der Leiter der Jugendhilfe, der Leiter des Öffentlichkeitsreferats und der Direktor der Karlshöhe haben sich mehrfach mit ehemaligen Heimkindern und Erziehern an einen Tisch gesetzt, um aufeinander zu hören, sich offensiv mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, miteinander einen Weg der Aufarbeitung zu finden, gemeinsam aus der Geschichte zu lernen und neues Unrecht zu verhindern. Dieser Prozess der Begegnung war für alle Beteiligten schmerzhaft, aber – so hoffen wir – auch heilsam. Indem wir aufeinander hören und die Erfahrungen der Heimkinder ausdrücklich ernst nehmen und anerkennen, wollen wir zum Heilungsprozess der in jener Zeit oftmals verletzten Würde beitragen. Die Erlebnisse und Fragen der ehemaligen Heimkinder verjähren nicht. Natürlich machten Kinder damals auch sehr positive und fördernde Erfahrungen. Jetzt aber ist etwas anderes dran: In der „Karlshöher Erklärung“ wird am 14. Februar die Karlshöhe Ludwigsburg ihre Ehemaligen ausdrücklich um Verzeihung bitten für erlittene Verletzungen und eine Erziehungspraxis, die aus heutiger Sicht erschütternd ist. Die Nachwirkungen des damals in der Gesellschaft vielfach noch verankerten faschistoiden Gedankenguts eines autoritären Staates, die staatlicherseits spärlich fließenden finanziellen Mittel, die unzureichende Ausbildung der Erzieher und Erzieherinnen und die Präsenz von alltäglicher Gewalt führten dazu, dass Kinder und Jugendliche gedemütigt und ihrer inneren und äußeren Einsamkeit überlassen wurden, auch wenn viele Gespräche mit den ehemaligen Erziehern und Hilfskräften mich zu der Überzeugung brachten, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes gaben, dabei jedoch aus heutiger Sicht immer wieder überfordert waren.
Einen besonderen Aspekt in diesem Prozess stellt die christliche Prägung der Karlshöhe dar. Religion und Glaube, so haben uns die ehemaligen Kinder berichtet, erlebten sie zwiespältig, zugleich unterdrückend und befreiend. Wo Glaube als Disziplinierungsinstrument eingesetzt wurde, verletzte er die Kinder zusätzlich. Wo Glaube als persönliche Bejahung durch Gott und als Freiraum der Entfaltung vermittelt wurde, stärkte er das Selbstwertgefühl der Kinder. Ganz gezielt wurde deshalb der „Tag der persönlichen Erinnerung“ am 28. September 2008 – an dem sich ehemalige Kinder und Erzieher nach vielen Jahren oft zum ersten Mal wieder trafen - mit einen Gottesdienst begonnen und wird der „Tag der öffentlichen Erinnerung“ am 14. Februar 2009 mit einem Gottesdienst beendet. Bei beiden Gottesdiensten wirken bewusst Ehemalige mit. Wie ernst dieser gemeinsame Prozess genommen wird, macht auch die Teilnahme des Diakoniepräsidenten Klaus-Dieter Kottnik am Diakonietag und im Gottesdienst am Samstag deutlich.
Für die Gegenwart lernen wir zweierlei aus dem gemeinsamen Gespräch mit den ehemaligen Heimkindern: Wir wollen unsere christliche Prägung als Karlshöhe ernst nehmen und deshalb mit allen unseren Möglichkeiten erstens für bessere politische Rahmenbedingungen in der Erziehung von Kindern eintreten und zweitens sorgsam auf die Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten eines jeden einzelnen Kindes achten. Auch wenn wir die Familie nie ersetzen können werden, so wollen wir doch dafür Sorge tragen, dass Kinder ihre Gaben entdecken können und bei uns ein Stück jener Nähe, Wärme und Zuwendung erfahren, die ihnen andernorts abhanden gekommen ist.
(11) Erklärung der ehemaligen Kinder gegenüber der Presse am 12.02.09
Für viele von uns Ehemaligen mussten über 40 Jahre vergehen um die Vergangenheit wieder an uns heran zulassen, sich ihr zu stellen und zu erinnern, was gewesen war und was sie in uns hinterlassen hat. Als vor 2 Jahren eine Gruppe von ehemaligen Kindern und Erziehungs- und Lehrkräften auf die Karlshöhe zugegangen ist, um mit den Verantwortlichen der Karlshöhe von heute und von damals und mit unserer Vergangenheit gemeinsam in den Dialog zu treten, wurde daraus ein gemeinsames Projekt, welches im letzten Jahr nach über 11/2 –jähriger Vorbereitung in einem Tag der Begegnung mündete.
65 ehemalige Kinder und Erziehungs- und Lehrkräfte und ihrer Angehörigen nahmen daran teil. Inhalt dieses Tages war ein gemeinsamer Gottesdienst, Begegnungen bei alten Fotos, Führungen durch die heutige Karlshöhe, die Möglichkeit die eigene Akte von damals einzusehen, der inzwischen Verstorbenen zu gedenken, kreativ seiner Vergangenheit zu begegnen und in einem Loslassritual und in einem Raum der Stille sich an schmerzhaftes aber auch gutes von damals zu erinnern und es loszulassen, um sich von alten Anhaftungen etwas zu lösen und zu befreien.
Nach diesem gelungen Tag soll sich am 14. Februar zur weiteren Aufarbeitung und Einordnung der Heimerziehung der 50er bis Anfang der 70er Jahre der Tag der öffentlichen Würdigung und Erinnerung anschließen, in dem die gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen betrachtet werden, unter denen damals Heimerziehung in Württemberg praktiziert wurde. Wir wollen verstehen, was damals dazu geführt hatte, das wir weitgehend isoliert, in ein sehr strenges Korsett von Zwang, Disziplin, körperlichen und anderen Strafen bei Vergehen gegen die Regeln, bei Widerworten eingebunden waren und es erdulden mussten. Wir wollen verstehen, warum wir zu einer werktäglichen Arbeit auf dem Feld, in den Obstplantagen und im Heimgelände gezwungen wurden (ab 9./10. Lebensjahr) und unsere Schulzeit bis 1966 in einer eigenen Heimschule bis zum Hauptschulabschluss absolvieren mussten, was die Isolation zur Außenwelt noch vergrößerte. Wir wollen verstehen, warum wir mit getragenen Kleidern und Schuhen, einem Probierhaarschnitt von Friseurlehrlingen und oft noch Hände haltend zwei und zwei, hintereinander durch das Heimgelände und durch die Stadt gehen mussten und damit schon von weitem als die Karlshöher auffielen und gedemütigt und gehänselt wurden. Wir wollen verstehen, warum uns der Kontakt zwischen Jungen und Mädchen in der wenigen Freizeit verboten war. Wir wollen verstehen, warum nicht ein erhöhter Pflegesatz von der Anstalt Karlshöhe gegenüber den Kostenträgern eingefordert wurde, um mehr und besser ausgebildetes Erziehungspersonal, kleinere Gruppen mit einer besseren Ausstattung einführen zu können. Wir wollen verstehen, warum man damals glaubte, wir würden zu besseren Christen, wenn man uns zu täglichen Andachten, vielen täglichen Gebeten, zum sonntäglichen Gottesdienst zwang. Ob es gelingen wird, uns auf diese Fragen allgemeinere Antworten zu geben?

14. Februar 2009
"Heimkindererziehung in den 50er und 60er Jahren - Kinder haben Rechte - Erinnerung und Ausblick"
(1) Karlshöher Erklärung
(2) Erklärung der ehemaligen Kinder
(3) Persönliche Erinnerung eines ehemaligen Erziehers
(1) Karlshöher Erklärung
Beim Karlshöher Diakonietag „Kinder haben Rechte“ am 14. Februar 2009 geben Vorstand und Leitung Jugendhilfe der Karlshöhe folgende Stellungnahme ab (vorgetragen vom Sprecher des Vorstandes der Stiftung Karlshöhe, Pfarrer Frieder Grau):
Vom Geist der Liebe soll im Rettungsdorf alles zeugen, was dem Kind entgegenkommt…. Die individuelle Entwicklung des einzelnen ist die Hauptsache.“ Unter diesem evangelisch-pädagogischen Anspruch Wicherns gründete die Karlshöhe Ludwigsburg 1876 ihr Kinderheim. Bis heute sind wir diesem Geist christlicher Nächstenliebe und pädagogischer Förderung verpflichtet.
Wir sind betroffen, dass in den 50er- und 60er-Jahren Kinder und Jugendliche im Karlshöher Kinderheim auch leidvolle Erfahrungen machen mussten, zumal viele aus schwierigen Verhältnissen mit großen Hoffnungen gekommen waren. Die damalige Pädagogik sah in körperlicher Arbeit, Züchtigung und Liebesentzug erlaubte und wirkungsvolle Erziehungsmittel. Die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen hatten für Mitarbeitende und vor allem für Kinder schlimme Folgen, die uns aus heutiger Sicht gemeinsam mit Schrecken erfüllen.
Erzieher/innen und Helfer/innen stellten sich ihrer Aufgabe überwiegend mit großem persönlichem und zeitlichem Engagement. Kinder erfuhren dadurch viel Förderung und Bereicherung. Jetzt geht es darum, auch die negativen Erfahrungen anzuerkennen. Die Erzieher/innen waren durch unzureichende Ausbildung, große Gruppen, häufigen Personalwechsel und mangelnde Unterstützung in ihren erzieherischen Möglichkeiten stark begrenzt und in vielen Situationen überfordert. Die Kinder hatten Einsamkeit, Unverständnis, Nichtbeachtung, Bestrafung durch Liebesentzug, mangelnde Anerkennung, Schuldzuweisung und Erniedrigung zu erdulden. Manche sind bis heute belastet und leiden unter den Folgen.
Die Karlshöhe Ludwigsburg bittet ihre ehemaligen Heimkinder für erlittene leidvolle Erfahrungen um Verzeihung. Wir bekennen, dass wir dem hohen Anspruch unserer christlichen Verpflichtung und dem Wohle und den Bedürfnissen der uns anvertrauten Kinder oft nicht gerecht geworden sind. Wir unterstützen die Betroffenen durch Vermittlung von therapeutischer und seelsorgerlicher Hilfe. Wir fördern weiterhin Kontakte, Begegnungen und Aktionen zur Selbsthilfe.
Wir begrüßen das Forschungsvorhaben des Diakonischen Werks der EKD und den „Runden Tisch“ der Bundesregierung, um die Geschichte der Heimerziehung aufzuarbeiten und um weitere mögliche Hilfen zu entwickeln.
Wir stehen heute und in Zukunft dafür ein, dass Kinder, die auf öffentliche Erziehung angewiesen sind, zu ihren Rechten im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention kommen. Wir unternehmen alles uns Mögliche für individuelle Förderung und gelingende Entwicklung dieser Kinder. Wir beteiligen uns aktiv am politischen Diskurs zur Verbesserung der Rahmenbedingungen der Hilfen zur Erziehung.
(2) Erklärung der ehemaligen Kinder
Die Karlshöher Erklärung der Ehemaligen, die in den 50er bis Anfang der 70er Jahre als Kinder und Jugendliche im Kinderheim auf der Karlshöhe waren. 14. Februar 2009
Für viele von uns Ehemaligen mussten über 40 Jahre vergehen um die Vergangenheit wieder an uns heran zulassen, sich ihr zu stellen und zu erinnern, was gewesen war, was sie in uns hinterlassen hat. Mit dieser Entwicklung stehen wir nicht alleine da. In vielen Teilen von Deutschland gibt es Menschen, die jetzt Bücher zu ihrer Heimerziehung schreiben oder Kunstwerke dazu erstellen (wie unsere Annelen Schünemann), an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, sich zusammen tun, Vereine gründen und Kontakt zu ihren Heimen aufnehmen. Verschiedene Ehemalige der Karlshöhe sind schon seit über 22 Jahren mit ihr in Kontakt. Wir aus der Heimkinderprojektgruppe sind vor 2 Jahren auf die Karlshöhe zugegangen, um mit den Verantwortlichen der Karlshöhe von heute und von damals über unsere Vergangenheit gemeinsam in den Dialog zu treten. Ehemalige aus den verschiedenen anderen Heimen haben darüber hinaus eine Petition in den deutschen Bundestag eingebracht, aus der nun ein Runder Tisch entstehen soll, der die Auswirkungen der Heimerziehung untersuchen und sich der Forderungen der Ehemaligen annehmen, prüfen und aushandeln soll, was davon verwirklicht werden kann. Wir begrüßen diese Forderungen, die sich zum Teil mit unseren decken.
Wir, die wir uns im September im letzten Jahr auf der Karlshöhe zum Tag der Begegnung getroffen haben sind Heimkehrer in unsere alten Erlebnisse und Erinnerungen, trennen diese Zeit nicht mehr von uns ab. Zu spüren, was die erfahrene Heimerziehung in uns aufwühlt und bei manchem von uns für tiefe dunkle Spuren und schmerzhafte Wunden hinterlassen hat und noch immer für Schatten wirft, ist für uns nicht leicht. Das ruft Ängste in uns hervor und das Verlangen nach Versöhnung, nach Dialog, nach Genugtuung, nach Worten die unsere Herzen berühren und wärmen und heilen, die sagen, es tut uns leid, die sagen, nichts von dem können wir mehr ungeschehen, nichts mehr rückgängig machen.
Wir waren Kinder, Scheidungswaisen, Flüchtlinge, kamen von allein erziehenden Eltern, oder aus zerrüttelten Familien der Nachkriegszeit, oft auch mit Gewalterfahrungen, Misshandlungen, Vernachlässigungen, aber auch nur, weil ein Elternteil von uns arbeiten musste und eine „gute“ Bleibe für uns brauchte und hoffte, diese mit der Karlshöhe gefunden zu haben.
Mit diesem schweren Rucksack ausgestattet, brauchten wir Erzieherinnen und Erzieher:
- die unsere Trennung von unseren Eltern durch das Angebot einer Beziehung mit Schutz und Geborgenheit, Vertrauen, Wärme und Kontinuität ausgleichen, die Gewalterfahrungen und Misshandlungen mit uns aufarbeiten konnten.
- Die uns ernst nahmen in dem was wir als Kinder brauchten.
- Die unseren Bedürfnissen nach unterstütztem Kindsein, nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zur Persönlichkeitsentfaltung und Bildung nachkommen konnten.
- Wir brauchten gut ausgebildete Erziehungskräfte, die uns pädagogisch und psychologisch verstanden und das als tägliches Ziel vor Augen nehmen und mit uns umsetzten wollten.
- Wir brauchten Erwachsene, die unsere Grenzen achteten, körperliche und seelische Gewalt ablehnten, und sich für uns in allen unseren Lebenslagen einsetzten.
- Wir brauchten Menschen, die uns einen Kindgerechten Rahmen gaben ohne täglichen Zwang und Arbeit.
- Wir brauchten einen Rahmen, der uns über Einsicht und Umsicht, über Mitsprache und Mitbestimmung Regeln und Vorgaben machte, mit und in dem wir gerne leben und wachsen wollten.
- Wir brauchten kleine geschlechtergemischten Gruppen in gut ausgestatten Gruppenhäusern.
- Wir brauchten eine öffentliche Schule, in der Lehrkräfte uns pädagogisch und psychologisch verstanden und uns förderten, solange dies erforderlich war und in der wir mit Schülern aus der Nachbarschaft gemeinsam beschult wurden. Dies alles hatten wir nicht.
Doch was wir vorfanden:
- Waren riesige Gruppen mit 16 bis über 20 Kindern und nur einer Haupterzieherin, oder Haupterzieher mit einer Hilfskraft.
- War eine Heimschule, die die Kinder von der öffentlichen Schule fern hielt.
- War ein werktäglicher Arbeitseinsatz der Kinder und Jugendlichen mit ihrem Hilfs- oder Haupterziehern in der Landwirtschaft, den Obstplantagen, auf dem Heimgelände.
Waren Diakone in Ausbildung als Hilfserzieher jeweils für 1 Jahr, waren Praktikantinnen für einige Wochen, Kindergärtnerinnen und Diakone in Ausbildung als Haupterzieherinnen/Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, alle ohne entsprechende ausreichende pädagogisch und psychologische speziellere Ausbildung.
- War ein Erziehungsrahmen, der geprägt war von Zwang und Strafen, Zucht und Ordnung, von Disziplin und Gehorsam ohne Widerworte, von Gewalt und Erniedrigung, von Isolation und vielfältigen Verboten und Geboten.
Da waren einige Erziehungs- und Lehrkräfte, die noch den autoritären Erziehungsstil aus der Nazizeit praktizierten, wo Prügelstrafen und ausgebrochenes wieder essen müssen auch zu unseren Erfahrungen gehörten.
Aber da waren zum Glück auch Erziehungskräfte und Lehrkräfte, die bemüht waren, es für uns netter zu gestalten. Es waren die Sonnenstrahlen in unserer Heimleben, ohne die der Alltag sonst schwer auszuhalten gewesen wäre. Doch auch sie mussten durch den Erziehungsrahmen, durch die mangelhafte Ausstattung, durch die Selbstversorgung der gesamten Anstalt, durch die parallel laufende Ausbildung zum Diakon, durch die Arbeitseinsätze mit den Kindern und durch ihren Erziehungsdienst in den viel zu großen Kindergruppen sich dann doch auch immer wieder an den Rahmen anpassen und uns mit Zwang darin einbinden und ihre Position mit mal mehr oder auch weniger Gewalt durchsetzen.
Ich könnte hier noch sehr viel mehr aufzählen, aber ich glaube das reicht um Ihnen einen Eindruck über unsere damalige Situation zu geben. Ich hoffe, dass Sie aufgrund dieser Angaben ein Verständnis dafür haben, dass wir daraus Forderungen erheben:
Wir brauchen eine gute Unterstützung bei der Aufarbeitung unserer Vergangenheit. Wir fordern eine kostenfreie Anlaufstelle mit einfühlenden Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern, die bei Bedarf zu Verfügung steht, die Nöte und Sorgen der Ehemaligen aufnimmt und weitergehende therapeutische Hilfe anbieten, oder an geeignete Psycho-, Traumata- und Suchttherapeuten weitervermitteln kann.
Daher brauchen wir einen Unterstützungsfonds für die therapeutischen Hilfen und für all diejenigen, die durch die Heimerziehungszeit so stark geschädigt worden sind, dass sie keine Ausbildung beginnen oder beenden konnten, keinen Beruf ausüben konnten, oder immer wieder ihre Arbeit verloren haben, oder sich in Berge von Schulden verstrickt haben, und heute verarmt und mittellos sind, sowie für diejenigen, die sich durch eine Sucht oder seelischen Krankheit, die sich im Anschluss an ihre Kindheit im Heim entfaltet hat, weiter aus unserer Gesellschaft gekickt haben.
Wir brauchen die Anerkennung, dass einiges von dem, was uns in der Heimzeit widerfahren ist, Menschenrechtsverletzungen waren.
Wir brauchen die Anerkennung, das unsere vielseitige aufgezwungene Arbeit als Kinder und Jugendliche zusammen mit den Hilfs- und Haupterziehern in der Landwirtschaft, auf dem Gelände, für die Gemeinschaft ein bedeutender Beitrag zur Finanzierung der Anstalt Karlshöhe war für die wir weder als Kinder, noch als Jungendliche entlohnt noch in Form einer Sozialversicherungsleistung eine Anerkennung erhalten haben. Da Kinderarbeit = Zwangsarbeit rein rechtlich durch das Grundgesetz seit 1949 und ab 1952 durch die europäische Konvention der Menschenrechte in den Paragraphen 12 verboten war, hat hier die öffentliche Erziehungshilfe gegen Recht und Gesetz verstoßen. Da das Sozialversicherungsrecht nachträgliche rentenwirksame Beiträge für Kinder nicht vorsieht, ist auch hierfür eine Entschädigung aus dem Fonds zu fordern, soweit die Einzelnen darauf zurückgreifen.
Wir suchen das Verstehen für unsere körperlichen und seelischen Schmerzen. Wir suchen nach Verzeihung und Heilung. Wir suchen nach dem Fehlerbewusstsein in der Gesellschaft.
Wir wollen und fordern, dass das, was uns widerfahren ist, niemals mehr einem Kind oder Jugendlichen in der Heimerziehung widerfahren wird.
Zum Schluss möchte ich noch einige Wünsche aussprechen. Ich wünsche mir zwischen uns und den Ehemaligen Erziehungskräften Versöhnung, indem wir miteinander in Kontakt kommen. Ich wünsche mir, dass wir uns aussprechen und uns mitteilen, was uns noch schwer auf dem Herzen liegt. Wo dies nicht direkt geht, können wir es uns ja vielleicht von der Seele schreiben. Ich wünsche mir, das die Karlshöhe für uns Ehemalige ihr Gästehaus offen läst, als schönes Zeichen und zur Erholung für ein Wochenende, oder wenn sie eine eigene Erholungseinrichtung hat, wie damals den Rappenhof, das sie uns diesen auch kostenfrei oder kostengünstig anbietet, damit in unsere Herzen mit der Karlshöhe neue warme Farben einziehen können.
(3) Persönliche Erinnerung eines ehemaligen Erziehers
von Diakon Werner Hertler - 14.02.09
Im März 1963 kam ich zur Ausbildung zum Diakon als 19 Jähriger auf die Karlshöhe. Mein Hintergrund ist eine Kleinfamilie, Mutter Strickerin und Putzfrau, Vater Landwirt und Tätig als Hilfsarbeiter im Steinbruch und auf dem Bau. Volksschule, Berufsausbildung zum Facharbeiter als Maschinenschlosser. Den Beruf habe ich zwei Jahre ausgeübt.
Von 1962 bis 63 Diakonisches Jahr in den Alsterdorfer Anstalten in Hamburg, in einem Kinderheim für geistig behinderte und lernbehinderte Kinder.
Direktor Lorch hat mir neben dem ersten Ausbildungskurs, die praktische Aufgabe des Hilfserziehers im Kinderheim zugewiesen:“ Nun Bruder Hertler, sie gehen zu Fräulein Maag, der Erzieherin im Oberen Haus, sie haben ja schon Erfahrung mit der Erziehungsarbeit!“ Diese verantwortungsvolle Aufgabe habe ich als einen Vertrauensbeweis des Direktors erlebt, der ich mich mit mit ganzer Kraft gestellt habe. Mein erster Eindruck vom OH war, dass die räumliche Ausstattung des Hauses deutlich besser war als die im Kinderheim in Hamburg. Keinen Schlafsaal für 20 Buben, Bett neben Bett, die Bettnässer mit Spreusäcken statt Matratzen. Der Schlafraum war durch Kabinen für vier Buben strukturiert. Mein Zimmer war gleich neben dem der Buben. Ein Bett, ein Klapptisch, eine Ablage, Schrank im Flur.
Zunächst eignete ich mir den Alltagsablauf an, der von der Erzieherin, die bereits 10 Jahre hier im Dienst war, geprägt war. Morgens wecken, waschen, Hausdienste machen, Frühstück, Andachtsbesuch, Schule sowohl die Kinder als auch ich.
Gemeinsames Mittagessen im Speisesaal, Mittagspause für mich bis 13.30 Uhr, zwei bis dreimal wöchentlich Arbeitseinsatz mit den Buben in der Landwirtschaft, Arbeiten je nach Jahreszeit, Rüben hacken, Jäten, Äpfel ernten. Diese Arbeiten waren für mich nicht immer erfreulich aber selbstverständlich. um 16 Uhr gab es dann im Haus am Rundbrunnen, Marmeldebrot mit Tee oder Kakao, anschließend, Hausaufgaben, spielen, Tischtennis im Haus, Fußball, Brettspiele, singen, nach dem Abendessen eine Andacht und nach dem Zähneputzen und Waschen, vielleicht eine Geschichte und Schluss mit dem Abendgebet oder Lied.
Dienstags nachmittags war Hallenbadbesuch, für das Wochenende, 14 tägig allein im Dienst, Ausflüge organisieren, wie zum Waldfreibad nach Waiblingen-Bittenfeld wandern, einfach 13 km, zum Freibad nach Ludwigsburg, manchmal auch mit Unterstützung von meinem NSU-Prinz. Feste und Feiern, das jährliche Zeltlager 1963 in Mariaberg vorbereiten und durchführen. Ich hatte damals den Eindruck hier wird viel für die Kinder unternommen, den Kindern geht es gut und ich kann dazu mithelfen.
Von 1964 bis 166 war ich dann Haupterzieher im Unteren Haus, mit einem Hilfserzieher aus dem 1. Kurs. Hier wurde mir die große Verantwortung für die Gruppe von 18 Buben von 12 bis 16 Jahren deutlicher. Ich hatte auch Mühe meine Ordnungsvorstellungen vom OH durchzusetzen. Der regelmäßige Wechsel des Haupterziehers machte sich hier deutlich. Wir Diakone in Ausbildung haben unsere Praxis mit unserem Hintergrund der eigenen Jugendarbeit gemacht, bei mir waren es die Christlichen Pfadfinder.
Zu der erfahrenen und praktizierten Arbeit hatte ich damals kein Unrechtsbewusstsein. Ich erinnere mich, dass ich in kritischen Situationen, wie Verweigerung von Diensten, bei einem 15 Jährigen kräftig zugeschlagen habe. Doch Schläge als regelmäßige Züchtigung, waren nicht die Regel und hier spreche ich auch im Namen einiger Hilfs- und Haupterziehern.
Dass ich als Erzieher Fehler gemacht habe gestehe ich mir zu, auch als Vater von drei Kindern. Im unseren Treffen im Projekt wurde mir verständlich, in welcher Situation die Kinder waren. Das einzelne Kind mit seiner Persönlichkeit war nicht im Blick, die Gruppe stand im Vordergrund. Emotionale Einsamkeit, Alleinsein mit seinem Leid, das Fehlen von tragenden Beziehungen, besonders im UH bei dem Wechsel von den Erziehern, die Trennung von der Herkunftsfamilie, die auch praktiziert wurde im Heim, das war sicher sehr schmerzhaft für viele Kinder. Wolfgang Bahr, den ich als Kind sehr mochte, hat mir gesagt: “Eine Vertrauensbeziehung mit einem Erzieher ging ich nicht ein, ich wusste ja, der geht nach einem Jahr wieder.“
Ausdrücklich bedaure ich heute, dass wichtige Erkenntnisse der Psychologie und Pädagogik, wie die Leitgedanken von Janusz Korczak, nicht vom Unterricht auf die Arbeit im Kinderheim Einfluss hatten. Ich wünsche mir sehr, dass ich auf Verfehlungen in meiner Arbeit gegen Buben, die ich benachteiligt oder verletzt habe angesprochen werde. Es tut mir leid, bis jetzt warte ich noch darauf. Ich wünsche euch ehemaligen Kindern und uns allen das Glück und den Segen von tragenden Beziehungen. Danke.